Gedanken zur Garnelenhaltung…

9. Mai 2009 von Frank und Carsten Logemann
Stichworte: ,

Kürzlich erhielten wir von unserem Kunden Hr. Heß aus Berlin, der sich seit gut einem Jahr mit Garnelen beschäftigt, per Post folgendes Statement mit seiner Sicht der Dinge zur Garnelenhaltung, die wir Euch nicht vorenthalten möchten.

In vielen, vielen Punkten trifft es den Nagel wirklich auf den Kopf. Wir konnten uns oft selbst wiedererkennen und haben einiges an "Lachtränen" vergossen…

Wir wünschen viel Spaß beim lesen und sagen natürlich auch vielen Dank nach Berlin für das OK zur Veröffentlichung!!

 

Sackgasse Blond - Bekenntnisse im Garnelentrauma

Zwanzig müssten es sein! 1, 2, 3, - 4, - - 5… Zwanzig müssten es sein! Zwanzig „Bienen“ hatte ich gekauft. Wo sind sie denn jetzt alle hin? …6, 7, 8, 9. Oder hatte ich die schon? Noch mal von vorn: Also: 1, 2, 3… Ok, jetzt sind die Wenigen von gerade eben auch noch weg.

Der unbezwingbare Zählzwang ist die erste offenkundige Veränderung, die ich an mir selbst diagnostiziere, seit ich mir im Frühjahr 2008 meine ersten Garnelen zugelegt habe.

Meine bange Frage an geübtere Garnelenhalter: Haben Sie das auch? Ich setze mich vor einen meiner mittlerweile fünf Garnelenbehälter, möchte einfach nur schauen, fange aber unwillkürlich sofort an zu zählen. Seid ihr alle da?

Seit die ersten Weibchen trächtig wurden, zähle ich die als Subkategorie. Hier dann möglichst auch die Anzahl der Eier. Dazu bietet es sich an, den stechenden Blick gleichsam rücklings unter das trächtige Weibchen zu schieben, um dann dort – bäuchlings sozusagen angekommen – zügig, aber konzentriert drauf los zu zählen. Fünf? Wie jetzt? Mehr nicht? Ich dachte, mindestens zwanzig?

Ich mache dann gerne die Probe und kehre zurück zur Seitenansicht, wobei ich versuche, beide Seiten des Weibchens möglichst gleichzeitig zu durchschauen. Ein Spalt-, bzw. Zangenblick, der leider bereits nach kurzer Zeit den Augen weh tut. Ich erhalte mir aber so die Chance, das eine oder andere Ei unmerklich doppelt zu zählen, was dann wenigstens die Stimmung hebt. Zähle ich so allerdings Null, dann waren es gar keine Eier, sondern irgendwelche Knorpel von verblüffender Ähnlichkeit. In dem Fall nehme ich mir schnellst möglich das nächste Weibchen vor.

Mit der ersten Nachkommenschaft nahm es endgültig fatale Züge an. Nicht nur das Zählen, vor allem das Suchen. Ich sah zunächst ein einziges Jungtier in meinem reich bepflanzten 112 Liter Becken. Wo waren die anderen? Gab es sie überhaupt? Zum Zählzwang gesellte sich nun auch noch das Gewaltsuchen. Beim Gewaltsuchen ist es ratsam, dieses ganz ähnlich wie früher beim Koitus interruptus durch eingebettete Momente der Stille und der inneren Einkehr zu entkrampfen. Autogenes Training. Wir sprechen zu uns selbst mehrmals und in aller Seelenruhe etwa den folgenden Text: „Ich liebe alle meine sichtbaren und (wichtig!) unsichtbaren Garnelen. Ich kann sehr lange auf sie warten. Ich habe alle Geduld der Welt.“

Andernfalls endet Gewaltsuchen nämlich häufig im Black Out:

Der Garnelenliebhaber schaufelt in einem Anfall finaler Verzweiflung die gesamte Einrichtung aus seinem Becken, einschließlich Entwurzelung sämtlicher Pflanzen, um nur endlich freie Sicht auf seine mehr oder weniger nicht vorhandenen Pfleglinge zu haben: The Big Empty!

Mit meinen 48 Jahren war ich lange froh, höchstens mal zum lesen des Kleingedruckten eine Brille aufsetzen zu müssen. Seit ich täglich ein bis zwei Stunden Garnelen schauen, brauche ich jedes Quartal eine stärkere.

Seit meinem 10. Lebensjahr bin ich Aquarianer. Jetzt bin ich dabei, mich von einigen meiner großen Buntbarsche zu trennen, um noch mehr Garnelen – für mich bestenfalls Fischfutter all die Jahre – halten zu können, die ich dann nicht einmal finde und die nichts als meine völlige Erblindung beschleunigen. Warum?

Ich arbeite im Bauwesen und rechne normalerweise in Quadrat- und Kubikmetern. Warum verfalle ich so spät ins Allerkleinste?

Über solche philosophischen Fragen konnte ich früher prima vor meinen Aquarien nachdenken. Heute muss ich zum Nachdenken vor die Tür gehen. Aber bereits auf dem Weg nach draussen ertappe ich mich, wie ich anfange, die Stufen nach unten zu zählen. Im Freien angelangt, bin ich gottlob noch nicht so geschädigt, dass ich nun gleich anfangen würde, hier in Berlin die Autos zu zählen. Ich mache mir lediglich Gedanken über die vielen Autos, die alle irgendwie da sind und die ich gerade nicht sehe.

Meiner Erfahrung nach führt die Garnelenliebhaberei nicht nur zu Autismus und Weltfremdheit, sie zerstört außerdem die Familie und fördert Aberglauben und Erlösungssehnsüchte der wunderlichsten Art.

(Zwanzig müssten es sein!)

Ich persönlich bin ja in der glücklichen Lage, dass meine Lebensgefährtin ihre eigene Wohnung hat und folglich nicht mit mir zusammenleben muss. Bereits zu meinen Fischzeiten war das für Aussenstehende, zu denen auch die eigene Familie ja irgendwann gehört, ein Problem, dass der Papa immer mit zwei Wassereimern durch die Wohnung läuft. Die heutige Zeit, ich nenne sie hier mal die Garnelenzeit, ist ja häufig dadurch gekennzeichnet, dass sehr viele kleine Becken benötigt werden, die dann mangels freier Wandregalflächen zwar nur vorübergehend, aber doch immer zahlreicher auf den derzeit nicht unbedingt benötigten Gehwegflächen im Fußbodenbereich zwischengelagert werden. Weshalb der Papa beim Zählen und Suchen seiner Kleinode überwiegend nur noch lang hingestreckt und von Becken zu Becken langsam robbend sich antreffen lässt. Ihm ist das inzwischen egal, ihm reicht es, wenn sein Chef ihn so nie sieht.

(Zwanzig müssten es sein!)

Wer so denkt, ist bereits unausweichlich in seinem Doppelleben versackt. Es ist sein „point of no return“. Seine Weltfremdheit suggerieren ihm dabei Normalität, denn sie korrespondiert aufs Glücklichste mit dem Zuchtziel, das er sowieso längst hatte: „No entry-sign“! Einer Garnele ein Verkehrsschild auf den kleinen Rücken zu züchten, das weithin sichtbar signalisiert: „Achtung, Einbahnstraße“!

Ich selbst stand der Korrektur von Schöpfung durch menschlichen Eingriff und Besserwessi immer skeptisch gegenüber. Hat ja in der Regel vom Hängebauchschwein bis zum Triangeltrallala – Schleierschwanzguppy meist nur den Leidensdruck der betroffenen Kreatur erhöht. Garnelenhochzucht mit ihren entsprechenden Zuchtzielen fiel mir zunächst in die gleiche Kategorie.

Tiger blond. Was soll denn das sein? Auf Nachfrage erfuhr ich, es wären die Augen. Blond haben sie die Augen genannt? Wo bin ich hier denn angekommen?

Haben die es sich schon derart mit allen Frauen verscherzt, dass sie die Augen ihrer Garnelen blond finden müssen? Oder war das der Restalkohol und bloß das kühle Bier so blond?

(Zwanzig müssten es sein!)

Rose Adenauer oder Rose Bernd, das kannte ich schon. Plötzlich hatte ich Tiger blond. Ich fing an zu grübeln, wie ich meine zu erwartende Schöpfung, die Nachgeborenen, anders nennen könnte. Blond, blond, blond. Florian Silbereisen. Kombiniert mit irgendeinem Verkehrsschild. Sackgasse Silbereisen. Garnele Sackgasse Silbereisen. Hm, vielleicht warte ich lieber noch kurz, bis die Silbereisen – Garnelen wenigstens in der ersten Generation schon mal da sind.

(Zwanzig müssten es sein!)

Seis drum. Sehe ich selber heute ein „No entry-sign“ oder die japanische Flagge in zweifacher Ausführung, den „Doppel-Hinomaru“, dann sag auch ich mir inzwischen innerlich: „Holla!“

Schwer sich dagegen zu wehren.

Es ist ja nicht die japanische Flagge als Solche. Die hat mich nie stärker interessiert als die von Burkina Faso. Und jetzt eine Garnele farblich unbedingt zur Miniaturausgabe eines Kois zu machen, da fehlt mir auch das Einfühlungsvermögen in die Seele, die einem Japaner womöglich aufgibt, aus allem Eins und Einerlei, sprich: Seins machen zu müssen.

Unabhängig von solcher Kamikazementalität (maximale Ähnlichkeit entspricht maximaler Ersetzbarkeit) geht es jedem Garnelenzüchter früher oder später aber einfach ums Prinzip:

Wenn ein Verkehrsminister Tiefensee, dessen Name doch bereits Verpflichtung genug sein sollte, allen Freunden der Wasserwelt mit äußerster Offenheit zu begegnen, jetzt ohne Recherche in den maßgeblichen Kreisen anfängt, die allerhübschesten und althergebrachtesten Verkehrsschilder wegen angeblicher Überflüssigkeit abzuschaffen, dann ist es schon an der Zeit, dass die Garnelenhochzucht vereint und entschlossen aus dem Schatten heraus nach vorne tritt, um solch blinder Zerstörungswut Einhalt zu gebieten: „Vorsicht Wildwechsel!“, „Achtung Glatteis!“, „Achtung Steinschlag!“ Aber vor allem: „Unbeschrankter Bahnübergang!“

Diese Verkehrsschilder sollen tatsächlich abgeschafft werden?

Jetzt, wo eine meiner Garnelen gerade einen unbeschrankten Bahnübergang auf dem Rücken hat? Eine Garnele, die ich gerade vermehren wollte für künftige Generationen, mit der ich zur Schaffung neuer Arbeitsplätze für unsere Kindeskinder beitragen wollte, Kindeskinder, die, ja, die was? Die den unbeschrankten Bahnübergang dann nicht mal mehr kennen?

So kann man natürlich auch Gift in die Konjunktur spritzen.

Womit wir bei den Wasserwerten wären und den Zusatzstoffen. Offenbar weitgehend unerforschtes Terrain. Liest man, bei welchen abnormen Wasserwerten die Einen herrlichste Zuchterfolge haben, während die mitunter Erfahrensten die gleichen Wasserwerte als Supergau für die betreffenden Garnelen ins Netz stellen, weiß man, dass man allein ist mit seinen Garnelen.

Nach einem Jahr Garnelenhaltung weiß ich, was ein Gerücht ist. Da sind mitunter rührende Einsichten dabei: Wenn das Aquarium schwarz abgeklebt ist an drei Seiten, dann vermehren sie sich besser. Der nächste weiß, dass Garnelen ein ganz bestimmtes Lichtspektrum brauchen von der Leuchtstoffröhre her. Ein Anderer weiß von der Existenz einer langen Liste von für Garnelen giftigen Wasserpflanzen, die ein Diplombiologe im Selbstversuch zusammengestellt hat.

Wasserbeschaffenheit, Futter, Tipps und Erfahrungsberichte so endlos wie die sich oft gegenseitig ausschließende Bandbreite des Wissens und Ahnens es nur hergeben kann.

Auf der Suche nach dem ultimativen Geheimwissen, dem Erfolgsrezept für Garnelenhaltung schlechthin, kommt zumindest so bald keine Langeweile auf.

Was wir unseren Garnelen mitunter alles ins Becken werfen, da gruselts jeden Alchimisten.

Kaninchenfutter, Vogelfutter, Bananenschalen, Kartoffelschalen, Hauptsache alles schön vergammelt, immer rein damit und als ultrahocherhitztes Sahnehäubchen oben drauf eine entkalkte Eierschale und einen halben abgeschabten Knutschfleck. Na ja, unterm Strich ist es jedenfalls der reinste Hexensabbat.

Garnelenhalter machen derart inkongruente Erfahrungen, dass man kaum sagen kann, was nützt, sondern lediglich, was zumindest nicht schadet. Wenn jemand bei einem bestimmten Parameter, einem bestimmten Futter oder einem bestimmten Ambiente gute Erfahrungen gemacht hat, dann heißt das ja leider noch nicht, dass das der ausschlaggebende Punkt ist, wieso seine Garnelen steinalt wurden oder sich üppig vermehrt haben. (Meine Crystal Red etwa haben sich bei GH 35 (!) explosionsartig vermehrt, seit ich sie in diesbezüglich „vorschriftsmäßigerem“ Wasser halte, stagnieren sie eher.)

Die fünf Wasserwerte, die wir Landbewohner in der Regel tröpfchenweise messen, sind Wasserbewohnern wie Garnelen so real und bedeutend, wie uns der Blick in den Mond. Die kennen mit Sicherheit mehrere hundert für sie elementare Wasserwerte.

(Zwanzig müssten es sein!)

Übertrieben? Ich werfe einen Blick auf die Dose mit Spirulina-Flocken einer Fachfirma: Über 4.000 nachgewiesene Vitalstoffe allein der Spirulina – Alge, steht da drauf. Möchte jemand sagen, welche davon Garnelen nicht kennen? Möchte jemand sagen, welche sie brauchen? Möchte allen Ernstes jemand behaupten, es liege am Lichtspektrum seiner Leuchtstoffröhre?

Ja, daran liegt es vielleicht auch. Vorerst bleibt es eher reiner Dusel, ob man vor lauter Absicht zufällig auch das Richtige trifft. In der Regel wird das, was man für das Beste hält, den Garnelen selber relativ schnuppe sein.

Aber egal. Der Glaube an die Wunderwaffe bleibt unerschütterlich und zum Glück sind die Japaner ja unsere Verbündeten. Auch ich werde weiterexperimentieren, bis mir der Panzer platzt. Hat jemand Erfolg mit ausgekochten Sandalensud, werden wir unseren Garnelen ausgekochten Sandalensud reichen. Lesen wir im Internet, einer hat seinen zweiten Morgenstrahl ins Becken gepinkelt, sagen die Kinder: „Jetzt reichts aber Papa.“ Aber da war es schon zu spät gewesen.

Aus den genannten Gründen ist Garnelenhaltung eine Suchtvariante mit unabsehbaren Nebenwirkungen und Langzeitfolgen, bei der geprüft werden sollte, inwieweit hier nicht bereits das Betäubungsmittelgesetz greift. Wünschenswert wären als erste Schritte obligatorische Aufdrucke auf Händlerbecken, in denen Garnelen bisher noch im freien Verkauf angeboten werden dürfen, z.B.: „Ihre nächste Häutung kann tödlich sein“, oder: „Garnelenhaltung führt zu Tunnelblick und Pupillenkrampf mit Sehlochverhärtunbg“, oder einfach: „Alle findest Du nie“

H.-J. Heß / Berlin

 

Rubrik: Allgemeine News

Kommentare

    Antje
  1. Geschrieben von Antje
    Kommentar vom 11. Mai 2009, 15:17 Uhr

    Herrlich… Ja, klingt vertraut! :-D



  2. simon
  3. Geschrieben von simon
    Kommentar vom 14. Mai 2009, 20:02 Uhr

    holla!!!

    der mann muss schriftsteller werden!!!

    ich hoffe er schreibt noch mehr, ich fühle mich voll und ganz bestätigt!



  4. Ceddi
  5. Geschrieben von Ceddi
    Kommentar vom 16. Mai 2009, 19:32 Uhr

    Da sieht man mal wieder, das nicht nur Rauchen und Alkohol süchtig machen können, sondern auch ganz banale Dinge, wie unsere lieben Freunde, die Zwerggarnelen ^^ ;)



  6. HP
  7. Geschrieben von HP
    Kommentar vom 17. Mai 2009, 12:00 Uhr

    Ok, soweit glasklar. Und? Waren es jetzt zwanzig? 8)

    HP



  8. NiHiL
  9. Geschrieben von NiHiL
    Kommentar vom 31. Juli 2009, 09:47 Uhr

    Die Sache ist doch ganz klar… um die genaue Anzahl der Garnelen im gut bepflanzten Becken zu ermitteln, muss man die gezählten Garnelen mit 3 multiplizieren!



  10. Saphir
  11. Geschrieben von Saphir
    Kommentar vom 9. Januar 2010, 15:11 Uhr

    herrlich…



  12. Frederic Griesbaum
  13. Geschrieben von Frederic Griesbaum
    Kommentar vom 1. Februar 2010, 16:59 Uhr

    genial!!!
    Wenigstens bin ich nicht der einzige dem es so geht!



  14. Frank Logemann
  15. Geschrieben von Frank Logemann
    Kommentar vom 1. Februar 2010, 18:56 Uhr

    Ob es nun wirklich 20 waren, lässt der Schreiber ja offen, aber bei jedem erneuten Durchlesen erwischt ich mich, wie man bei etlichen Passagen doch immer wieder zustimmend mit dem Kopf nickt… scheinbar geht es ja vielen anderen Garnelenliebhabern ebenso. Beruhigend… - man ist nicht alleine!

    Wirklich ein klasse Text!



Kommentar schreiben

Dein Name (erforderlich)

Deine eMail (erforderlich, wird aber nicht veröffentlicht)

Deine Webseite

Spam-Check

Schreib uns Deinen Kommentar...